Totaleinsatz in der Uniform
...Und als dann die Nazis mit unserem Volk so grausam umgingen und direkt hier den Terror entfachten, na, da musste unser Volk die Deutschen hassen. Und jetzt stellen Sie sich vor, mit dieser Überzeugung, in dieser Atmosphäre kommen wir nach Deutschland, sie ziehen uns dort deutsche Uniformen an, machen mit uns eine halbmilitärische Ausbildung, mit uns Tschechen, die sie eigentlich gehasst haben...
René Šírek (* 1923) wurde in Prag geboren und war ab Herbst 1942, nach dem Gymnasium, in Hamburg und Kiel bei der halbmilitärischen Organisation „Luftschutz" eingesetzt. Die Arbeit wat physisch und psychisch anstrengend und gefährlich, es handelte sich um Trümmerbeseitigung nach Luftangriffen und das Unschädlichmachen von nicht explodierten Phosphorminen. Das schlimmste Erlebnis aus dieser Zeit waren nach den Worten von Herrn Šírek die Konfrontation mit dem Tod von Zivilisten und die Bedrohung des eigenen Lebens bei Luftangriffen und der Minensuche. Positiv erfahren hat er die Freundschaften, die er hier knüpfte.
Bei seiner Arbeit bei der Einheit Luftschutz musste er als Protektoratsangehöriger der deutschen Zivilbevölkkerung helfen und hatte anfangs große Probleme mit dieser Aufgabe:
„Das, das war einfach so eine fast schizophrene Situation. Einerseits haben wir uns als Protektoratsangehörige, besser gesagt also als Tschechen, ... damals danach gesehnt, dass der Nazismus vorbei ist. Also, je eher das die Deutschen verlieren, desto besser für uns ... Wir machten keinen Unterschied zwischen einem Nazi und einem Deutschen ... für uns war ein Deutscher gleich Nazi. Und als dann die Nazis mit unserem Volk so grausam umgingen und direkt hier den Terror entfachten, na, da musste unser Volk die Deutschen hassen. Und jetzt stellen Sie sich vor, mit dieser Überzeugung, in dieser Atmosphäre kommen wir nach Deutschland, sie ziehen uns dort deutsche Uniformen an, machen mit uns eine halbmilitärische Ausbildung, mit uns Tschechen, die sie eigentlich gehasst haben, und sie gehen dabei eigentlich ganz normal mit uns um, sogar freundschaftlich, auf den Straßen und unter der Bevölkerung gab es keine, keine Aversionen uns gegenüber. Im Gegenteil, da wir ihnen bei den Luftangriffen halfen und eben der Bevölkerung halfen und sie zu retten versuchten, wussten sie einfach, dass wir keine Deutschen sind, aber es gab uns gegenüber keine Aversion... [Wir]... wollten, dass der Nazismus und das Deutsche Reich so schnell wie möglich untergeht, dass es geschlagen wird, damit wir nach Hause können, dass der Krieg vorbei ist, damit wir wieder wie normale Menschen leben können. Auf der anderen Seite haben wir uns unterbewusst nicht gewünscht, dass während der Niederschlagung die Leute umkommen, die wir dort kannten und die sich uns gegenüber anständig verhalten haben."
Ende 1943 wurde die Einheit von Neuankömmlingen aus dem Protektorat abgewechselt, und René Šírek leistete dann bis zum Ende des Krieges seinen Dienst beim Luftschutz in Prag-Ruzyně. Während der Zwangsarbeit im Protektorat war er wegen eines Konfliktes mit Angehörigen der tschechischen Kollaborantenorganisation Kuratorium zur Erziehung der Jugend drei Wochen inhaftiert.
Nach dem Krieg absolvierte er ein Studium an der Juristischen Fakultät der Karlsuniversität und arbeitete für Firmen im Bereich internationale Spedition und Transporte. Nach seiner Pensionierung im Jahre 1986 war er weiter auf seinem Fachgebiet tätig. Er trifft sich auch jedes Jahr mit ehemaligen Kollegen aus der Zeit der Zwangsarbeit und nimmt an Diskussionen mit Schülern deutscher Oberschulen und Gymnasien zum Thema Zwangsarbeit teil.
Im Jahre 2001 erhielt Herr Šírek eine finanzielle Entschädigung für seine Zwangsarbeit. Wie sieht er dies?
„In unserem Alter rechnet man nicht mehr nach, ob das vom Wert her angemessen ist oder nicht. Man sieht das als ... Genugtuung oder ... Entlohnung dafür, dass man im Krieg irgend wohin reisen und dort arbeiten musste, aber sicher nicht ... , dass man sagen würde, dass das viel oder wenig ist ... Auf jeden Fall war das nett."


