Niemand kann die Menschen wieder lebendig machen .
Bei der sog. „Selektion“ hat Bedřich Blasko wahrscheinlich ein „Capo“ das Leben gerettet, ein älterer Mann, der an diesem Tag Dienst an der Rampe hatte. Als er die Neuankömmlinge betrachtete und unter ihnen den jungen Mann mit Brille sah, sagte er zu ihm: „Morgen früh ist keiner von euch mehr am Leben. Und nimm die Brille ab!“
Bedřich Blasko (* 1918) wurde in Prag in der Familie eines Exportwarenhändlers geboren. Seine Mutter und sein Vater stammten aus Familien, die sich zur jüdischen Religion und Kulturtradition bekannten. In den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts trat der Vater von Herr Blasko jedoch aus der jüdischen Gemeinde aus. Auch Bedřich Blasko hielt die Kontakte mit der Gemeinde nicht aufrecht und war auch kein Kirchenmitglied. Nach dem Abitur am Gymnasium nahm er ein Studium an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Karlsuniversität in Prag auf und arbeitete nach der Schließung der tschechischen Hochschulen im Herbst 1939 als Maurer.
Die Zeit von Herbst 1940 bis Juli 1941 verbrachte er in einem sog. Arbeitslager für Juden in Lípa bei Havlíčkův Brod und wurde nach seiner Entlassung im November 1941 im Ghetto Theresienstadt interniert. Von Februar bis Dezember 1942 war er im Gestapogefängnis in Prag auf dem Karlsplatz inhaftiert und wurde er anschließend ins Theresienstädter Ghetto gebracht. Im Herbst 1943 tauchte sein Name auf der Liste der Häftlinge auf, die nach Auschwitz transportiert werden sollten. Von den dreitausend Häftlingen, die zusammen mit ihm „in den Osten" reisten, überlebten nur einige hundert. Alle anderen, unter ihnen auch der Vater von Herrn Blasko, wurden nach der Ankunft auf der Rampe in Auschwitz in Gaskammern getrieben. Bei der sog. „Selektion" hat Bedřich Blasko wahrscheinlich ein „Capo" das Leben gerettet, ein älterer Mann, der an diesem Tag Dienst an der Rampe hatte. Als er die Neuankömmlinge betrachtete und unter ihnen den jungen Mann mit Brille sah, sagte er zu ihm: „Morgen früh ist keiner von euch mehr am Leben. Und nimm die Brille ab!"
„Glück" hatte Herr Blasko auch weiter, denn schon nach drei Tagen wurde er in das Außenlager des Konzentrationslagers Groß Rosen im niederschlesischen Friedland gebracht, wo ihm nicht mehr die sofortige Liquidation drohte. Als er an seinen Aufenthalt in Friedland dachte, erinnerte er sich an ein absurdes Ereignis aus der Zeit der Auflösung des Lagers Anfang Mai 1945: Der Lagerleiter ließ einen Appell ausrufen und fragte die angetretenen, ob es irgendwelche Beschwerden gäbe ...
Von Herrn Blaskos Familie überlebte nur sein Bruder, alle anderen fünfzehn Verwandten wurden von den Nazis ermordet. Noch im Jahre 1945 schloss Bedřich Blasko sein Studium an der Karlsuniversität ab, bis 1971 arbeitete er als Chemiker. In der Zeit der sog. Normalisierung nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings" wurde er entlassen und durfte nur noch Arbeiterberufe ausüben. Da er vier Weltsprachen beherrschte und sich sehr gut in Kultur und Politik auskannte, konnte er nach dem Fall des kommunistischen Systems als Journalist und Fotograf Fuß fassen. Seine Frau Eva lernte er im Theresienstädter Ghetto kennen. Sie heirateten im August 1945.
Zum Thema Entschädigung für die Jahre im Gefängnis bemerkte Herr Blasko:
„Ich habe viele verschiedene Entschädigungen erhalten. Ich denke, das ist sehr problematisch. Ich denke, das ist sehr schwer, das menschliche Leben mit Geld zu entschädigen ... Entschädigung also, na. Wahrscheinlich ist niemandem etwas Besseres eingefallen. Niemand kann die Menschen wieder lebendig machen ..."

